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des notes de lecture

Notes de lecture

n° 6, mai 1999

-> Traduction française

Rolf H. KRAUSS, Walter Benjamin und der neue Blick auf die Photographie, Ostfildern, Cantz Verlag, 1998, 128 p., chronol., bibl.

In seiner kunsthistorischen Magisterarbeit hat sich Rolf H. Krauss einem Thema gewidmet, das er als Vorsitzender der Sektion Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Photographie und als Herausgeber der Zeitschrift 'DGPh-Intern' über zwanzig Jahre lang begleitete : dem Einfluss der Schriften Walter Benjamins auf die deutsche Phototheorie zwischen 1970 und 1990. Gerade in den 1970er Jahren war die Kontroverse um ein richtiges Verständnis der Arbeit Benjamins heftig geführt worden und kulminierte meist in vollständiger Zustimmung oder Ablehnung - je nach positiver oder negativer Haltung zum Marxismus, dem Walter Benjamin relativ unkritisch zugerechnet wurde. Erst mit grösserem zeitlichen Abstand konnte ein neuer Blick auf die Theorien und ihre Wirkungen gewagt werden, ohne ideologische Scheuklappen.

Krauss folgt seinem Thema in drei Schritten. Zunächst stellt er die Passagen in Walter Benjamins Oeuvre vor, in denen die Photographie überhaupt erwähnt wird oder eine Rolle spielt. Ihm kommt es hier vor allem auf die zeitliche Reihenfolge der Texte an, aus der er ein Argument der Entfaltung von Differenzierungen in Benjamins Idee von der Photographie entwickelt. Im zweiten Teil seines Buchs beschreibt Krauss das zunehmende Interesse der Kunstgeschichte an der Photographie, wie es sich in den 1960er Jahren herauskristallisierte. In Anlehnung an Thomas S. Kuhn (The Structure of Scientific Revolutions, 1965/69) spricht er hier von einem Paradigmenwechsel des Denkens über Photographie, wobei er seine These fast ausschliesslich mit englisch-sprachigen Titeln untermauert. Der dritte und letzte Teil seines Buches ist schliesslich der eingangs erwähnten Kontroverse um die Rezeption Benjamins in den 1970er Jahren gewidmet, diesmal ebenso ausschliesslich in deutscher Sprache. Nur abschliessend wird der französischen Phototheorie etwas Raum gewährt, und hier allein Roland Barthes' Chambre Claire genannt, wobei diese sofort in einen Kontext mit Susan Sontag und mehreren unwichtigen deutschen Autoren gesetzt, damit wieder abgewertet wird. Jedem Kapitel des Werks ist eine 'Summa' nachgestellt, die die vorangegangenen Thesen noch einmal zusammenfasst - bei Rolf H. Krauss in einer aphoristischen Weise, die er für den einzigen Garant des Überlebens von Ideen hält. So gerinnt ihm Walter Benjamin unter den Augen des Analytikers zum genialischen Aphoristiker, dessen kurze Sätze sich in allerlei Weise verstehen und missverstehen lassen und liessen.

Das Buch ist eine enorme Fleissarbeit, enthält bibliographische Anmerkungen in grosser Fülle und berücksichtigt auch entlegene Quellen von und zu Walter Benjamin. Es enthält keine einzige neue These zum Verständnis des Kritikers und Philosophen sowie keine neue These des Autors zur Photographie; beides ist wohl auch nicht beabsichtigt, denn Krauss hat erst vor kurzem seine 'Zehn Thesen zur konventionellen und konzeptionellen Photographie' von 1979 neu aufgelegt, in denen sein Blick auf dieses Medium und seine Kunst aus der Position des Sammlers und Künstlers - beides ist Krauss eigenem Anspruch zufolge in vorderster Linie, danach erst ein Denker und Redner - fixiert ist. Das entscheidende Manko des Werks liegt jedoch viel tiefer und ist vom Autor selbst benannt worden : Rolf H. Krauss bewertet alle Aussagen Walter Benjamins allein in ihrem Wert für die bildende Kunst mit Photographie, so wie er sie eben selbst sammelt. Die wesentlich grössere Bedeutung dieses Philosophen für den Umgang mit der photographisch-technischen Reproduktion von Kunst wischt er bereits auf der zweiten Seite seines Vorworts vom Tisch. Damit verengt er nicht nur seinen eigenen Blickwinkel auf Walter Benjamin, sondern verlagert sein Argument auf eine inner-photographische Fortschritts-Geschichte, die - wie das Buch an manchen Stellen deutlich zeigt - einige Inkonsistenzen zeitigt. Statt den Einfluss der Reproduktion auf die Kunst und dann die nachfolgenden - formalen wie ikonologischen - Reaktionen der Künstler aufzuzeigen, muss Krauss nun einen Paradigmenwechsel aus der Photographie selbst heraus behaupten, der medienhistorisch nicht haltbar ist, weil er wichtige Einflüsse etwa von Fernsehen, Rock'n'Roll / Pop Music, Photokopier- und billigen Drucktechnologien negiert. Das schränkt den Wert des sonst sehr fundierten Buches leider stark ein.

Rolf Sachsse